Das Buch ist inzwischen Bestseller in zwei Kategorien bei Amazon. Man sieht, dass Dr. Schmidt ein Trendthema getroffen hat. Dr. Schmidt hat das Thema jedoch nicht jetzt im Hype aufgegriffen, sondern arbeitet seit 20 Jahren als Journalist zum Thema digitale Transformation für große Leitmedien.  Hierbei hat er die führenden Köpfe der digitalen Wirtschaft interviewt, z.B. Erik Schmidt, Reed Hastings, Erik Brynjolfsson. Auf seinem Blog Netzökonom.de und seinem Twitter-Kanal können Sie die neuesten Trends aus der Digitalwelt zeitnah nach lesen. Absoluter Lesetipp!

Welchen Tipp würden Sie Unternehmern aus dem dt. Mittelstand geben, die mit dem Thema digitale Transformation noch nicht viel Berührung hatten („Digitale Anfänger“)?

HS: Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist der Mittelstand.  Dort ist man ein bisschen träge vom eigenen Erfolg. Ich würde den Unternehmern raten, wieder neugierig auf Innovation zu werden. Man sollte auch das Sichtfeld außerhalb der Peer-Group erweitern.

Es lohnt sich anzusehen, was Startups machen. Und es lohnt sich auch anzusehen, wie sie es machen.

Die Unternehmen sollten mehr „lernen“ was draußen passiert. Und zwar nicht nur vom Silicon Valley. Auch in Asien passiert aktuell sehr viel. China ist dort die treibende Kraft.  So wie vor 20 Jahren die Industrialisierung angeschoben wurde, mit dieser Konsequenz (und vielleicht sogar noch stärker), wird nun auch die Digitalisierung vorangetrieben.

Man sollte nicht, wie bei der deutschen Erfindung “Industrie 4.0”, den Blick isoliert auf Effizienzsteigerungen richten.  Nach dem Motto: „wir digitalisieren die Prozesse und danach produzieren wir das gleiche Produkt 20% günstiger“. Eher plädiere ich dafür, mehr aus Kundensicht zu denken. Zum Beispiel beim Internet of Things (IoT). Das vernetzte Produkt erzählt einem ja etwas. Diese Daten sollte man nutzen, um den Kunden glücklicher zu machen.

Könnten Sie eine Prognose abgeben, nach dem Motto: “In X Jahren ist der Zug “digitale Transformation” ohne Deutschland abgefahren?”

HS: Ich kann natürlich keine pauschale Jahreszahl nennen. Das kommt immer auf die Branchen und Unternehmen an. Ich traue mir jedoch zu sagen, dass die Automobilindustrie sicherlich keine 5 Jahre mehr Zeit hat. Man sieht auch, dass die jetzt Gas geben und massiv in Themen wie autonomes Fahren und Car-Sharing investieren.  

Man kann eine gewisse Reihenfolge von einigen betroffenen Branchen nennen.

  1.     Handel und Medien sind bereits stark digitalisiert.
  2.     Als nächstes ist die Automobilbranche dran. Hier sind viele Mittelständler (als Zulieferer) gefordert.
  3.     Produktion und Logistik sind auch ein großes Thema. Durch 3D-Druck wird sich die Produktion verlagern. Die Vorprodukte müssen nicht mehr durch die Welt geschippert werden. Es kommt eine on-Demand Produktion am Ort des Bedarfs. UPS und der 3D-Druckerhersteller Fast Radius sind bereits eine Kooperation eingegangen. UPS sieht, dass sich Warenströme verlagern und reagiert also bereits. Weiteres Beispiel: Amazon hat ein Patent, wie 3D-Drucker auf LKWs montiert werden können, um das gewünschte Produkt direkt vor der Haustür des Kunden zu drucken.
  4.     Bei Banken und Versicherungen warten alle noch auf den „Knall“. Bei den Banken sind erstmal lediglich die Vertriebswege ins Netz gewandert. Die Kernprozesse sind jedoch im Grunde unverändert. Dort ist vergleichsweise wenig passiert. Das liegt vielleicht auch daran, dass Geld ein sehr sensibles Produkt ist. Hier sind sicherlich psychologische Faktoren noch lange in den Köpfen der Menschen. Ich bin hier auf die Ideen der Fintechs gespannt. Ich habe deren Mehrwerte für den Kunden noch nicht ganz verstanden. Mit Diensten wie Applepay können aber auch in Deutschland starke Player eintreten, die den Markt verändern.

Das Rennen um  digitale Märkte ist ja im vollen Gange. Auf der B2C Seite hat Amerika mit Google, Amazon und Facebook schon Giganten produziert.  Diese dringen nun auch in B2B Bereiche vor. Was denken Sie – hat Deutschland gerade im Bereich Internet of everything / Produktion / Robotik nicht auch super Potentiale bzw. Wettbewerbsvorteile?

HS: Produktion und Maschinenbau sind typisch deutsche Domänen. B2B ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber Firmen wie Tesla oder Google sehen natürlich, dass dies riesige Märkte sind. Potential ist in der deutschen Wirtschaft aber definitiv vorhanden. Die etablierten Firmen müssen natürlich aufpassen, dass der Markt nicht wegbricht.

Sie haben im Buch 25 Schritte für Deutschland 4.0 aufgeführt. Sie schreiben als 1. Schritt, dass Unternehmen „Technik lieben lernen“ sollten. Was meinen Sie damit, können sie das etwas ausführen?

HS: Ich meine damit Ressentiments gegen neue Technik. Es ist so: Technik wird oft in den USA marktreif und wandert über Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien und erst zum Schluss nach Deutschland.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, nämlich Social Media. Deutschland ist das einzige Land, in dem die höher Gebildeten (mit Abitur oder höheren Bildungsabschlüssen) unterrepräsentiert sind. Heißt: In allen anderen Ländern diskutiert die Elite intensiv in den sozialen Medien. Nur in Deutschland nicht. Wir sind meiner Meinung nach da sehr sensibel. Wenn zum Beispiel ein CEO kein Smartphone nutzt und nicht mitbekommt, was Snapchat ist, verschläft eben oft auch viele Trends in seiner eigenen Industrie. “Technik lieben lernen“ heißt für mich auch, eher die Chancen zu sehen.

In den USA ist die erste Frage „was habe ich von der neuen Technik?“. In Deutschland heißt es leider oft „Wie gefährlich ist das?“.

Was sind aus Ihrer Perspektive für den Mittelstand  die größten Hemmnisse bei der digitalen Transformation?

HS:

  1.      Risikobereitschaft – Es ist nicht so, dass in Deutschland kein Geld vorhanden ist, sondern es ist eine Frage des Risikomodells. Ein Geschäftsmodell wie UBER würde in Deutschland niemals mit diesen Summen finanziert.
  2.      Geschwindigkeit – Umsetzungsgeschwindigkeit ist z.B. einer der Hauptunterschiede deutschen Firmen. Das bestätigen mir alle, die einmal in amerikanischen Unternehmen gearbeitet haben. Dort gehen auch Sachen daneben. Dann werden Sie vielleicht abgeändert. Tempo ist oft entscheidend, sonst hat der Wettbewerber oder ein Startup schon den Markt besetzt.
  3.      Das Denken bei der Digitalisierung in neuen Produkten und innovativen Geschäftsmodellen und nicht in primär in möglichen Effizienzsteigerungen.
  4.      Technikfeindlichkeit und Mindset. Hier gehört für mich auch der Datenschutz herein. Viele Unternehmen sehen Datenschutz als ihre höchste Priorität, verdienen damit aber kein Geld. Ich plädiere für eine Umkehrung der Sichtweise: Datenschutz ist eine wichtige Nebenbedingung, aber der Hauptfokus sollte auf dem Geschäftsmodell liegen.
  5.      Plattformen: Meiner Meinung nach das wichtigste Geschäftsmodell der digitalen Ökonomie. Das Wissen über Plattformen ist ausbaubar und sollte Teil jeder Managementausbildung sein.

Das Thema Plattformen liegt Ihnen am Herzen. Sie rücken das Thema immer wieder in den Fokus. Warum sind Plattformen aus Ihrer Sicht essentiell?

HS: 10 der 20 größten Unternehmen der Welt arbeiten nach dem Plattform-Modell. Sie setzen sich als Vermittler zwischen Anbieter und Nachfrager. Märkte werden von diesen Intermediären völlig neu organisiert. Fragmentierte Branchen werden transparenter und grundlegend verändert. Deshalb sind Kenntnisse und das Denken in Plattformen essentiell, um digitale Märkte zu verstehen.

Viele Unternehmen im Mittelstand können es sich sicher nicht leisten eine eigene Plattform zu etablieren. Was würden Sie diesen Firmen raten?

HS: Das ist derzeit eine extrem relevante Frage. Wobei ich diese etwas anders stellen würde. Ich denke nicht, dass Plattformen zu etablieren primär eine Frage der Größe / Finanzstärke ist.

Ein Beispiel: trademachines.de. Das ist eine Plattform für gebrauchte Maschinen. Es ist ein Startup mit 25 Leuten. Auch kleine Firmen können eine interessante Nische finden und besetzen. Im B2B-Bereich ist das Rennen in vielen Segmenten noch offen.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre die Rolle des Plattformbetreibers natürlich die bessere Option. Die Anbieter sind den Bedingungen der Plattform ausgeliefert. Sie können natürlich auch sehr gute Geschäfte machen. Zum Beispiel erzielen viele Amazon-Händler gute Ergebnisse. Trotzdem ist man als Anbieter auf Plattformen immer austauschbar.

Was halten Sie von Innovationslabors und corporate Startups?

HS: Der Change kostet Zeit. Man startet mit digitalen Geschäftsmodellen erstmal außerhalb, was sicherlich schnell ist.

Innovationslabors und Startups sind für viele Unternehmen deshalb eine gute Option, um eine digitale Transformation zu beginnen.

Man kann mit einem ausgelagerten Startup erstmal neue Geschäftsmodelle testen und muss keine Operation am offenen Herzen vornehmen. Die eigentliche Managementleistung ist es jedoch, die neuen Erkenntnisse in die bestehende Organisation hineinzutragen.

Digitale Transformation ist teuer, sie kostet viel Zeit, Geld und auch viel Frust durch Change Management und Personalabbau. Was ich mir oft als Frage stelle: Lohnt sich eine Transformation, oder sagt man nicht lieber „die Cash-Cows solange zu melken, bis sie tot sind“? Wann wäre dies vielleicht ein Fall?

HS: Die Melkstrategie ist gerade in der Verlags- und Medienbranche oft zu beobachten. Das kann ein praktikabler Weg sein, wenn sie das digitale Beiboot schnell genug groß bekommen. In den USA sieht man derzeit, dass viele Publishers das analoge Geschäft aufgeben, jedoch die Digitaleinheit nicht groß genug ist. Das Beiboot wird sicherlich auch eine andere Mannschaft haben. Auch aus dieser Sicht ist die Melkstrategie sozial und menschlich hart.

Digitalisierung trifft ja bekanntlich jede Branche. Medien hat es schon massiv verändert (iTunes, Netflix). Der Handel ist auch schon seit langem Betroffen (Amazon, Alibaba). Nun geht es an den Kern der deutschen Wirtschaft: Industrie, Automobil und Banken. Welche Technologien sehen Sie aktuell als Top 3 Treiber der digitalen Transformation?

HS:

Top 3 Technologien der Banken für die digitale Transformation 2016

    1. Modelle wie Applepay oder Facebook Messenger Payment.
    2. Es müssen die Angriffe von den Fintechs abgewehrt werden. Obwohl Fintechs aus meiner Sicht bislang keine große Rolle spielen.
    3. Bei Blockchain bin ich noch skeptisch. Hier muss von vielen Menschen noch sehr  sehr viel Vertrauen in eine Software investiert werden.

      Top 3 Technologien  der Industrie für die digitale Transformation 2016
  1. Internet der Dinge und smarte datengetriebene Produkte und Dienstleistungen
  2. 3D-Druck
  3. Robotik und Software

Top 3 Technologien der Automobilindustrie für die digitale Transformation 2016

  1.      Autonome Automobile
  2.      Car-Sharing Modelle
  3.      alternative Antriebe

Wir sehen ja voll digitalisierte Unternehmen wie Amazon, dort ist kontinuierliche Innovation das Thema und in der DNA verankert. Die Firmen sind „förmlich paranoid“ und arbeiten frei nach der Formel 70 20 10 von Google immer auch an neuen Themen. Was denken Sie – wie lange reden wir noch über digitale Transformation? Whats next – was kommt danach?

HS: Ich denke das Thema digitale Transformation  wird uns noch viele Jahre beschäftigen. Die Digitalisierung, also der Fortschritt der Technik und Innovation, wird meiner Meinung nach nie zu Ende gehen. Im Gegenteil: wir befinden uns noch ganz am Anfang. Zum Beispiel gewinnt künstliche Intelligenz immer mehr an Bedeutung. Wir können uns dort vieles noch nicht einmal vorstellen.

Lesetips für die digitale Transformation

Deutschland 4.0: Wie die Digitale Transformation gelingt (Link auf Amazon)

Platform Revolution: How Networked Markets are Transforming the Economy-and How to Make Them Work for You (Link auf Amazon)


Über Christian Ehlert

Christian Ehlert ist Geschäftsführer von LEANOFY und TrainDot mit Sitz in Wiesbaden. Er arbeitet seit über 15 Jahren an verschiedenen Positionen im IT-Sektor. Zuletzt hat er im Softwaretest an der Schnittstelle zwischen Business und IT im Bankingbereich mitgewirkt. Darüber hinaus ist er seit über 6 Jahren in der Innovationsentwicklung tätig.

 

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2 Kommentare

  1. Sehr aufschlussreiches Interview. Holger Schmidt hat einen scharfen Blick auf die aktuelle Lage und die Hemmschuhe in der deutschen Wirtschaft und Industrie. Interessant finde ich das Ranking: 1. Automobilindustrie, 2. Industrie, 3. Versicherungen und Banken.

  2. Starkes Interview. Ich kenne zwar weder diesen Herrn Ehlert noch den Herrn Schmidt – was nicht unbedingt für meine Informiertheit spricht – dennoch finde ich die Art der Gesprächsführung rethorisch so geschickt, wie man es sich von manchen namhaften Journalisten wünschen würde.

    Bitte mehr davon. Danke.

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