New Work – Hype und Chance. Ein Gespräch.

NEW WORK! NEW WORK!
Heute im Experteninterview VOM DIGITITALISIERUNGSBLOG (DB) spreche ich mit Johann Hinterauer (JH). Joan coacht Unternehmer*innen und begleitet Organisationen zum Thema NEW WORK. NEW WORK hat natürlich auch mit der Digitalisierung einige Schnittmengen und deshalb freue ich mich ganz besonders, dass Joan heute im Interview einige Fragen zu diesem großen Thema beantwortet.

 

DB:

Du veranstaltest jetzt schon zum zweiten Mal Lernreisen (die NEW WORK ROAD TRIPS & die PERSPEKTIVREISE MITTELSTAND), bei denen du interessierte Unternehmer, Angestellte und Berater mit innovativen Pionierunternehmen des neuen Arbeitens zusammen bringst. Eure nächste Lernreise bringt euch unter anderem nach Wiesbaden. Dazu hätte ich einige Fragen.

Wie bist du selbst auf das Thema NEW WORK gekommen bzw. was fasziniert dich daran?

JH:

Ich komme total quer. Ich bin 2015 mit einem Angebot in die Geschäftsführung zu wechseln, aus dem Karriere-Hamsterrad ausgestiegen. Danach war erstmal unklar, wie es weitergehen würde. Ich wollte eine Auszeit, um meinen Kurs im Leben neu zu bestimmen. In dieser Auszeit wurde ich von Frederic Laloux’s Buch, Reinventing Organizations, tief berührt und inspiriert. Das Buch erweckte in mir eine Sehnsucht, die ich im Laufe der Jahre in klassisch hierarchisch geführten Unternehmen aufgebaut hatte. Von dem Moment an war klar, ich werde mit voller Kraft versuchen, dieses neue Bild von Unternehmen zu verbreiten.

Nach einigen ersten Projekten (u.a. als Holacracy – Holokratie Coach), war ich dann verstärkt auf der Suche nach einer Community, die meine Ansätze und Gedanken verstehen kann – da kommt wohl die New Work Bewegung am nächsten dran.

New Work ist für mich am offensten bezüglich Themen, außerhalb von Organisationsentwicklung (z.B. Agile) und Technologie – darum ist das am ehesten meine Welt. Wie es bei diesen Trend-Begriffen meist passiert, springen viele auf und versuchen alte Produkte mit neuem “New Work” Label zu verkaufen, davon möchte ich mich distanzieren. Es geht mir bei New Work um Tiefe, wie sie auch der “Erfinder” des Begriffes, Frithjof Bergmann ursprünglich gefordert hat. Er sieht das aus der Perspektive der persönlichen Freiheit und fordert ein Überdenken des derzeitigen Wirtschafts- bzw. Jobsystems. Ich teile dabei nicht seinen Lösungsansatz, bin aber bei der Forderung nach einem angepassten Wirtschaftssystem seiner Meinung. Es braucht mehr als agil & Co., um wirklich ein Wirtschafts- und Organisationssystem zu etablieren, was den zukünftigen Generationen gerecht wird.

Zitat über New Work. Arbeitswelt der Zukunft

Wie bist du auf die Idee der Lernreisen gekommen?

JH:

Die Lernreise ist aus meiner ersten größeren Sinnkrise in der Selbstständigkeit entstanden. Weihnachten 2016 war ich ziemlich deprimiert – ja, ich hatte Organisationen dabei begleitet hierarchiefrei (formal) zusammen zu arbeiten – ja, ich habe viel gelernt dabei – aber … .

Es erfüllte mich nicht (mehr) einige wenige Organisationen zu begleiten, auf diesem Weg erreiche ich zu wenige Menschen. Ich erkannte, ich brauche einen Hebel um neues Arbeiten für mehr Menschen zugänglich zu machen. Zwar so zugänglich, dass die Erkenntnisse tiefgreifend sind und die Oberfläche durchdringen, damit daraus echter Wandel entstehen kann.

Dann war die Reise geboren :-). Eine Reise bietet einfach die Möglichkeit, Zusammenhänge nicht nur rational zu erfahren, sondern sie wirklich zu verstehen. Das wird erst möglich, indem man den Pionier-Menschen persönlich begegnet und ihren Geschichten lauscht und kluge Fragen stellt. Die Geschichten inspirieren und berühren, dadurch entsteht ein unglaublich tiefes Lernerlebnis. Um diese Intimität beizubehalten, bieten wir die Reisen nur in kleinen Gruppen an.

Inzwischen habe ich mit Gebhard Borck das Format des Road Trip gezielt für Unternehmer*innen aus dem Mittelstand weiter entwickelt (Perspektivreise Mittelstand). Zum Erlebnis der Reise kommt dabei hinzu, dass die Unternehme*innen während der Woche Ihre Firmen-DNA, und damit die zukunftssichere Strategie für ihr Unternehmen erarbeiten. Die Firmen-DNA ist Bestandteil von Gebhardt’s Meta-Denkwerkzeug, der Betriebs-Katalyse. Das einzig taugliche Mittel, dass ich bis jetzt kennengelernt habe, um Organisationen in die Richtung zu beschleunigen, wie Frederic Laloux es in seinem Buch beschreibt.

Außerdem veranstalten wir mittlerweile individuell angepasste Reisen für Unternehmen, die am Beginn einer Transformation stehen – das bewährt sich als perfekter Einstieg, um einen Wandel loszutreten – sei es Digitalisierung, Agile, etc.

Was können die Teilnehmer auf deinen Reisen lernen, was nicht in Büchern oder Blogs wie diesen schon steht?

JH:

In Büchern lernst du theoretische Ansätze. Wenn du auf Veranstaltungen einem Speaker zuhörst, dann bekommst du die medial interessanten Highlights mit.

Wenn du in die Unternehmen rein gehst, dann siehst du erst, was die Menschen da drinnen wirklich anders machen. Ich hatte es bis zum ersten Road Trip auch nur vermutet, aber einige Stunden in das direkte Umfeld dieser Firmen einzutauchen, ist sensationell lehrreich. Es erlaubt den Teilnehmern vor allem auch den Umgang untereinander zu beobachten, sprich die Beziehungen der Menschen live mit zu erleben. Das halte ich für einen zentralen Aspekt von New Work. Wie behandeln Unternehmen ihr Mitarbeiter.

Mehr will ich dazu nicht sagen, lauscht einfach der Teilnehmer-Stimme auf der Website, das ist selbsterklärend. Der Teilnehmer war so begeistert vom Road Trip, dass er mich gefragt hat, ob er nicht eine Reise in seinem Gebiet mitveranstalten könnte. Darum macht der NewWork RoadTrip als nächstes am 25. Jänner 2018 im Rhein/Main Gebiet Halt :-).

Was denkst du – wo stehen wir beim Thema NEW WORK in 5 Jahren?

JH:

Da bin ich gespalten. Einerseits begrüße ich den New Work Hype, weil er natürlich Veränderungskraft hat, aufgrund der Kommerzialisierung. Andererseits zeichnet sich ab, dass wir die Chance auf einen Paradigmenwechsel gerade vergeben, indem wir die Symptome bekämpfen, ohne uns über die Ursachen im Klaren zu sein.

Aus heutiger Sicht ist New Work für mich eine verbindende Bewegung zwischen alter und neuer Arbeitswelt – aber New Work ist nicht die neue Arbeitswelt.

Was sind die größten Hemmnisse und Hindernisse für NW?

JH:

Die größte Gefahr ist sicher, dass alte Produkte & Leistungen in neuer Verpackung zu den Unternehmen geliefert werden. Die Schwierigkeit besteht für die Entscheider in den Unternehmen darin, das Alte vom wirklich Neuen zu unterscheiden.

Gerade unter den Beratungshäusern ist das schön zu sehen. Jahrzehntelang wurden die Kunden klassisch & traditionell beraten – gestern wurde die New Work Abteilung gegründet und heute sind sie die Spezialisten für Neues Arbeiten. Das ist nicht authentisch, wo soll über Nacht die neue Haltung herkommen. Das  schadet der gesamten Bewegung.

Wir wollen Entscheider in Zukunft dabei unterstützen, das Alte vom Neuen zu unterscheiden, das ist uns wichtig.

Gibt es Unterschiede beim Umgang mit dem Thema neues Arbeiten in Deutschland und Österreich? Wer ist ggf. offener, wo gibt es Gemeinsamkeiten?

JH:

Deutschland ist weit aktiver was das Thema angeht. Allerdings glaube ich, dass Österreich in der Grundhaltung viel weiter ist/war. Während in Deutschland starke Strukturen traditionell sehr wichtig sind, ist dies in der Österreichischen Kultur nicht so stark verankert. Dadurch erscheint es mir so, als ob Österreich einen kulturellen Vorsprung hat – den es jedoch gerade verspielt, weil es in diesen Themen kaum Bewegung gibt. Insgesamt gesehen haben beide Länder großen Wandlungsbedarf, davon bin ich überzeugt.

Sehr kritisch sehe ich bei beiden Ländern die Fokussierung auf Technologie. Es ist absehbar, dass die Schere zwischen Technologie und Organisation/Menschen noch weiter auseinander geht. An dieser Stelle wird übersehen, dass Technologie Menschen braucht, die sie verstehen und bedienen können und eine Organisations-Struktur, welche das ermöglicht und unterstützt. Wer diesen Zeitpunkt übersieht, wird von der Technologie im eigenen Unternehmen überholt und begibt sich, in historisch nie dagewesene, Abhängigkeiten.

Aus der Sicht von vielen Beratern hat das Thema NW oft auch mit Sozialromantik zu tun. Was denkst du darüber? Handelt es sich um einen nachhaltigen Trend oder wird es beispielsweise immer eine hierarchische Organisationsweise in Unternehmen geben müssen?

JH:

Es ist bekannt, dass wir Menschen das verteidigen, wovon wir Jahrzehnte überzeugt waren. Hinzu kommt, dass Berater in der Regel durch eine BWL Einheits-Ausbildung gegangen sind, die klare formale Hierarchie lehrt. Entsprechend dauert es, bis diese Glaubenssysteme wachgerüttelt sind.

Die Tendenz zu formal hierarchielosen Strukturen wird sich fortsetzen, wenngleich es dauern wird. Wenn wir uns die Entwicklung der Menschen und der Wirtschaftswelt ansehen, kann aus meiner Perspektive nur eine hierarchielose Netzwerkorganisation mit mündigen und eigenverantwortlichen Mitarbeitern der Weg sein. Aber – ich lasse mich gerne überraschen, wichtig ist mir, dass die Unternehmen sich so entwickeln, wie sie der Gesellschaft und den Menschen zeitgemäß dienen.

Das viel größere Fragezeichen sehe ich noch in der BWL insgesamt. Diese geht strikt von begrenzten Ressourcen aus und funktioniert nur durch einen scheinbaren Mangel an Waren & Geld. Was passiert, wenn diese Grenzen beginnen sich aufzulösen – sei es durch Kryptowährungen, Blockchain, … oder innere Zufriedenheit der Menschen?

Das ist die zentrale Frage, die mich gerade antreibt – wie sieht eine Gesellschaft aus, die den Wandel vom Mangel in die Fülle vollzogen hat.

Zum Abschluss möchten wir noch wissen, ob du weitere neue Ideen und Projekte im New Work Kontext planst?

JH:

Ja, natürlich :-). Wir sind gerade dabei neue Workshop-Formate zu entwickeln, welche die Entscheider in Unternehmen am Beginn, und während der New Work Reise, bei der Entwicklung und Analyse Ihrer Handlungsfelder unterstützen werden. Darüber hinaus basteln wir an einer Austauschplattform für die Pioniere des neuen Arbeitens. Mehr will ich an der Stelle nicht verraten ;-).

Danke für das Interview.

Link auf Joan’s Websites:

https://www.newworkambassador.com/

https://www.newwork-raodtrip.com

https://perspektivreise.de

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